Lern- und Entwicklungsziele

Für die ersten sechs bis sieben Lebensjahre eines Kindes gelten in der Waldorfpädagogik folgende Kompetenzbereiche als Lern- und Entwicklungsziele:

Körper- und Bewegungskompetenz

Im Waldorfkindergarten werden die Kinder in der Herausbildung und Beherrschung ihrer grob- und feinmotorischen Fähigkeiten gefördert.

 

Körperwahrnehmung und Körpergefühl bilden sich z.B. beim Laufen, Klettern und Seilhüpfen, beim Reigen, bei Spiel und Arbeit in Küche und Garten, beim Spielen einfacher Musikinstrumente z.B. Kinderharfe oder bei Arbeit an der Werkbank (Herstellen einfacher Gegenstände, z.B. Vogelhäuschen).

Sinnes- und Wahrnehmungskompetenz

 

 

Die Kinder sollen lernen, ihre Umwelt in ihren Formen, Farben und Bewegungen sowie in ihrer Ästhetik wahrzunehmen und das Wahrgenommene schöpferisch und kreativ gestalterisch umzusetzen.

 

Die zwölf menschlichen Sinne nach der Sinneslehre von Rudolf Steiner werden im Waldorfkindergarten u.a. durch gesund und naturnah produzierte Lebensmittel, harmonisch gestaltete Räume sowie wohltuende Farben und Materialien im Umfeld des Kindes gefördert. Hierbei spielt auch die Echtheit der verwendeten Materialien, die nicht auf Sinnestäuschung ausgelegt sind (sieht so aus wie Holz, ist aber Plastik), eine wesentliche Rolle.

Sprachkompetenz

Im Waldorfkindergarten sollen sich die Kinder spielend der Sprache nähern und sich in ihr beheimaten.

 

Umgesetzt wird dies durch gute sprachliche Vorbilder, eine deutliche, wortreiche und bildhafte Sprache, die der Altersstufe angemessen ist. Lieder, Verse, Fingerspiele, Reime, fach- und sachgerechtes Benennen der Gegenstände, z.B. der Namen von Pflanzen und Tieren, das sich täglich wiederholende Erzählen oder Vorlesen von sinnvollen Geschichten, Märchen, Kinder aussprechen lassen und sich Zeit zum Zuhören nehmen – daraus entsteht Lesefreude und Lesefähigkeit.

Phantasie- und Kreativitätskompetenz

Die schöpferischen Kräfte der Kinder sollen angeregt werden. Erzählte Geschichten animieren die Kinder, das Gehörte in spielende Kreativität umzusetzen und zu verwandeln.

 

Im Waldorfkindergarten sind Spielzeug und Spielmaterialien phantasieanregend, d.h. freilassend gestaltend, z.B. Steine, Bretter, Hölzer und Tücher. Regelmäßige Spielzeiten in Wald oder Garten, vielseitige Spiel- und Gestaltungssituationen, z.B. Rollenspiele, Puppenspiele, angeleitete Freispiele und das Nachspielen von Handwerken, z.B. Schuster, Schreiner, Schneider (so genannte „Urtätigkeiten“), ermöglichen den Kindern ihre Kreativität und Phantasie auszuleben.

Sozialkompetenz

Der beständige, sich stets wiederholende Tages-, Wochen- und Jahresrhythmus gibt den Kindern das Gefühl von Sicherheit und Verlässlichkeit. In dieser Struktur werden Regeln für die Kinder erfahrbar, sie lernen Verantwortung zu übernehmen und die gesetzten Regeln, für den einzelnen wie für die Gruppe, einzuhalten.

 

Sozialkompetenz wird gefördert durch gegenseitiges Helfen, das Übernehmen von Aufgaben (z.B. Spülen oder Blumen gießen), durch Rollenspiele wie Vater-Mutter-Kind oder Kaufladen. Die Kinder lernen hierbei Geben, Nehmen und Teilen und üben sich in Konfliktbewältigung. Weiterhin erleben sie die Mitarbeit der Eltern im Kindergarten beispielsweise beim Putzen der Gruppenräume, beim Vorbereiten und Durchführen von Festen und Feiern oder bei Renovierungsarbeiten.

Motivations- und Konzentrationskompetenz

Im frühen Kindesalter wird versucht, auf das Lern- und Betätigungsbedürfnis der Kinder zu schauen und es über Vorbild und Nachahmung anzuregen. Rhythmische Gestaltungselemente helfen, die Konzentrationsfähigkeit der Kinder zu entwickeln. Interessante und anregende Betätigungsmöglichkeiten wirken auf die Kinder motivierend.

 

Im Waldorfkindergarten stehen deshalb selbst gestaltete Spiele und Spielzeug, das zu Eigenaktivität anregt und vielfältige Möglichkeiten bietet, im Vordergrund. Kinder werden von lebensgemäßen Tätigkeiten der Pädagogen sowie deren Interesse angeregt und können hier Arbeiten ganzheitlich von Anfang bis Ende kennen lernen und selber ausprobieren (z. B. Backen, Waschen oder Gartenarbeit).

Ethische- und moralische Wertekompetenz

In der Waldorfpädagogik hat die moralisch-ethische Erziehung einen wichtigen Stellenwert. Kinder brauchen ein Wertesystem für das Gute, Schöne und Wahre, ebenso wie die Achtung vor anderen Menschen, anderen Kulturen und der Schöpfung. Außerdem sollen sie lernen, dass damit persönliches Engagement verbunden ist.

Orientierung gebende Geschichten, das Vorbereiten und Feiern von Festen, der liebevolle Umgang mit der Natur, Dankbarkeit (Tischspruch vor dem Essen), Hilfsbereitschaft und praktizierte Nächstenliebe helfen den Kindern, diese Werte herauszubilden. In Geschichten lernen die Kinder spielerisch die Bräuche anderer Völker kennen, singen deren Lieder und können so Achtung vor den verschiedenen Kulturen entwickeln.

Medienkompetenz

Medienkompetenz bedeutet in der Waldorfpädagogik die Förderung der genannten Basiskompetenzen.

(Helmut von Kügelgen)